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Vorschubleisten

BVerwGBVerwG 3 C 20/0417.03.2005ZOV 2005, 233

AusglLeistG § 1 Abs. 4

Stichwörter

Schlagwörter zur Erschließung

Vorschubleisten; nationalsozialistisches System; Anspruchsausschluss wegen Vorschubleisten; Entnazifizierung; Ausgleichsleistungsausschluss

Leitsätze

häufig von der Redaktion verfasst

Ein erhebliches Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG ist bereits in der Phase der Errichtung und nicht erst nach der Etablierung des nationalsozialistischen Systems möglich.

Voraussetzung für einen Anspruchsausschluß ist in objektiver Hinsicht, daß nicht nur gelegentlich oder beiläufig, sondern mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen wurden, die dazu geeignet waren, die Bedingungen für die Errichtung, die Entwicklung oder die Ausbreitung des nationalsozialistischen Systems zu verbessern oder Widerstand zu unterdrücken, und die dies auch zum Ergebnis hatten. Der Nutzen, den das Regime aus dem Handeln gezogen hat, darf nicht nur ganz unbedeutend gewesen sein. Die subjektiven Voraussetzungen des Ausschlußtatbestandes sind erfüllt, wenn die betreffende Person dabei in dem Bewußtsein gehandelt hat, ihr Verhalten könne diesen Erfolg haben. Die Einstufung als "Entlasteter" im Rahmen der Entnazifizierung ist in diesem Zusammenhang ohne Bedeutung.

Sachverhalt

Wortlaut des Gerichts

Die Kl. begehrt die Gewährung einer Ausgleichsleistung für die entschädigungslose Enteignung eines Gutes auf besatzungshoheitlicher Grundlage.

Miteigentümer dieses Gutes war zu 198/200 Dr. A. H. (1865 bis 1951). H. gründete nach 1916 einen Presse- und Medienkonzern. 1919 wurde er für die Deutschnationale Volkspartei - DNVP - Mitglied der Nationalversammlung und war bis 1945 Reichstagsabgeordneter. 1928 übernahm er den Vorsitz der dann im Juni 1933 aufgelösten DNVP. Er gründete 1931 zusammen mit der NSDAP und dem "Frontkämpferbund Stahlhelm" die "Harzburger Front". Im Januar 1933 wurde H. Reichsminister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung im Kabinett Hitler. Im Juni 1933 trat er von seinen Minister- und Parteiämtern zurück. Von 1946 bis 1951 befand er sich in britischer Internierung. Im Rahmen der Entnazifizierung wurde er zunächst als "Minderbelasteter" und 1950 als "Entlasteter" eingestuft.

H. wurde von seinen Kindern und Enkeln beerbt. 1981 übertrug der Testamentsvollstrecker H. dessen Anteil am Gut und alle damit in Zusammenhang stehenden oder in Betracht kommenden Herausgabe- und Entschädigungsansprüche an die Kl. An ihr besitzen die Rechtsnachfolger H. im Verhältnis ihres jeweiligen Erbteils Geschäftsanteile. Der restliche Anteil stand bereits im Eigentum der Kl.

Mit bestandskräftigem Bescheid vom 9. Mai 1994 wurde die Rückübertragung des Gutes auf der Grundlage von § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG ab-gelehnt. Daraufhin beantragte die Kl. die Gewährung einer Ausgleichsleistung nach dem Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz.

Mit Bescheid vom 18. April 2001 lehnte das Sächsische Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen diesen Antrag ab, da H. dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet habe. (...)

Die Klage gegen diesen Bescheid hat das Verwaltungsgericht Dresden mit Urteil vom 30. Juli 2003 abgewiesen. Zur Begründung wird ausgeführt: Der Begriff "erheblichen Vorschub leisten" in § 1 Abs. 4 AusglLeistG entspreche inhaltlich im wesentlichen den Ausschlußregelungen in § 8 Abs. 1 Nr. 2 BWGöD ("fördern") und § 6 Abs. 1 Nr. 1 BEG ("Vorschub leisten"). § 3 Abs. 2 Nr. 1 BVFG, § 2 HHG und § 11 Abs. 3 Nr. 1 BFG enthielten ebenfalls den Ausschlußgrund des "erheblichen Vorschubleistens". Der Gesetzgeber habe eine diesen Ausschlußtatbeständen entsprechende Regelung schaffen wollen. Ein erhebliches Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG liege danach vor, wenn der Betreffende bewußt und mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen habe, die dazu bestimmt und geeignet gewesen seien, in nicht unerheblicher Weise den Herrschaftsanspruch der NSDAP und das von ihr getragene System zu festigen, auszudehnen oder den Widerstand gegen dieses System zu unterdrücken. Objektiv sei ein initiatives Verhalten erforderlich, das geeignet sei, die Bedingungen für die nationalsozialistische Herrschaft zu verbessern. Hierzu gehöre auch jegliches Fördern im Vorfeld. Erheblich sei ein Vorschubleisten, wenn der vom Regime aus dem Verhalten gezogene Nutzen nicht nur ganz unbedeutend gewesen sei. Es sei nicht erforderlich, daß der dem Nationalsozialismus Vorschub Leistende NSDAP-Mitglied gewesen sei oder mit ihr sympathisiert habe. Der Nationalsozialismus habe auch dadurch gefördert werden können, daß der Betreffende als Mitglied einer zeitweise mit der NSDAP verbündeten Partei oder Gruppe nicht unerheblich dazu beigetragen habe, daß der Nationalsozialismus an die Macht gelangt sei. In der Übernahme eines politischen Amtes von besonderer Bedeutung könne ein erhebliches Vorschubleisten liegen. In subjektiver Hinsicht genüge, daß der Betroffene in dem Bewußtsein gehandelt habe, sein Verhalten könne den Nationalsozialismus fördern. Die Einstufung als "Entlasteter" durch eine Entnazifizierungsbehörde habe keine Bindungswirkung, da nicht an die damalige Kategorisierung angeknüpft werde. (...)

Die Voraussetzungen für einen Anspruchsausschluß seien bei H. erfüllt. Sein politisches Wirken sei davon geprägt gewesen, in Deutschland ein autoritäres Regime zu errichten und der Demokratie den Garaus zu machen. (...)

Gegen dieses Urteil wendet sich die Kl. mit ihrer Revision. Zur Begründung macht sie geltend: Das Verwaltungsgericht habe durch das trotz divergierenden Wortlauts undifferenzierte Heranziehen von Ausschlußtatbeständen aus den Entschädigungsgesetzen gegen wesentliche Auslegungsgrundsätze verstoßen. Der Tatbestand des "Förderns" in § 8 Abs. 1 BWGöD und der des "Vorschubleistens", etwa in § 3 BVFG und § 8 KgfEG, würden auch in der Rechtsprechung verschieden ausgelegt. Hinzu komme eine unterschiedliche Zielrichtung von § 8 Abs. 1 BWGöD und § 1 Abs. 4 AusglLeistG. Das den Anspruchsausschluß begründende Verhalten müsse von gleichem Gewicht sein wie die in den Normen enthaltenen weiteren Ausschlußgründe. Anders als der in § 8 Abs. 1 BWGöD verwendete Begriff "Nationalsozialismus" beziehe sich die Formulierung "das nationalsozialistische System" in § 1 Abs. 4 AusglLeistG nur auf das bereits installierte System. Der Begriff "Vorschubleisten" in § 1 Abs. 4 AusglLeistG sei restriktiv auszulegen und setze voraus, daß der Betroffene mit seinem Handeln bewußt und mit einer gewissen Stetigkeit das Ziel verfolgt habe, einer Festigung des Systems nachhaltig zu dienen. Die Verfolgung eines gemeinsamen politischen Ziels unabhängig von seiner nationalsozialistischen Prägung genüge nicht. Zum Zeitpunkt des Wirkens von H. sei das nationalsozialistische Unrechtssystem jedoch noch nicht installiert gewesen. (...)

Der Bekl. tritt der Revision entgegen.

Der Vertreter des Bundesinteresses beim Bundesverwaltungsgericht beteiligt sich am Verfahren. Er hält das verwaltungsgerichtliche Urteil ebenfalls für zutreffend.

Aus den Gründen

Wortlaut des Gerichts

Die Revision der Kl. ist unbegründet. Das angefochtene Urteil des Verwaltungsgerichts steht im Einklang mit Bundesrecht (§ 137 Abs. 1 Nr. I VwGO) und beruht nicht auf Verfahrensfehlern (§ 137 Abs. 3 VwGO). Die Kl. hat keinen Anspruch auf eine Ausgleichsleistung, da der Ausschlußgrund des § 1 Abs. 4 AusglLeistG vorliegt. Ihr Rechtsvorgänger, Dr. A. H., hat dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet.

Rechtsgrundlage für den geltend gemachten Anspruch ist § 1 Abs. 1 Satz 1 AusglLeistG. Danach erhalten natürliche Personen, die Vermögenswerte im Sinne des § 2 Abs. 2 des Gesetzes zur Regelung offener Vermögensfragen (Vermögensgesetz) durch entschädigungslose Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage in dem in Artikel 3 des Einigungsvertrages genannten Gebiet (Beitrittsgebiet) verloren haben, oder ihre Erben oder weiteren Erben (Erbeserben) eine Ausgleichsleistung nach Maßgabe dieses Gesetzes. Im vorliegenden Fall ist eine solche entschädigungslose Enteignung zwar erfolgt. Gemäß § 1 Abs. 4 AusglLeistG werden Leistungen nach diesem Gesetz aber unter anderem dann nicht gewährt, wenn der nach den Absätzen 1 und 2 Berechtigte oder derjenige, von dem er seine Rechte ableitet, dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet hat. Das Verwaltungsgericht hat zu Recht angenommen, daß in bezug auf H. die Voraussetzungen dieses Ausschlußtatbestandes erfüllt sind.

1. Sinn und Zweck der Ausschlußregelung in § 1 Abs. 4 AusglLeistG ist es, zu verhindern, daß diejenigen, die die Hauptverantwortung für die zu revidierenden Unrechtsmaßnahmen tragen, das Ausgleichsleistungsgesetz zu ihren Gunsten in Anspruch nehmen (BTDrucks. 12/4887 S. 38). In der Gesetzesbegründung wird darauf abgestellt, daß sich § 1 Abs. 4 AusglLeistG entsprechende Ausschlüsse in allen vergleichbaren gesetzlichen Regelungswerken, wie z.B. im Bundesentschädigungsgesetz oder im Lastenausgleichsgesetz, fänden. Daraus hat das Verwaltungsgericht zu Recht entnommen, daß an die zu den entsprechenden Vorschriften ergangene Rechtsprechung angeknüpft werden kann (so zu bisherigen Ausschlußtatbeständen u. a. Urteil vom 22. Mai 1969 - BVerwG VIII C 80.65 - Buchholz 412.6 § 2 HHG Nr. 2 - und Beschluß vom 12. Februar 1991 - BVerwG 9 B 244.90 - Buchholz 412.6 § 2 HHG Nr. 3).

2. Ein erhebliches Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG ist bereits in der Phase der Errichtung des nationalsozialistischen Systems möglich und nicht erst nach dessen Etablierung. Eine solche Einschränkung läßt sich dem Wortlaut von § 1 Abs. 4 AusglLeistG nicht entnehmen, insbesondere nicht der Formulierung "nationalsozialistisches System", da die Merkmale dieses Systems auch bereits vor seiner Installierung angelegt und erkennbar waren und es damit sowohl objektiv als auch subjektiv unterstützt werden konnte. Die von der Kl. behauptete Beschränkung ist auch mit dem Sinn und Zweck der Ausschlußregelung nicht vereinbar. "Haupt"verantwortung für die unter der jeweiligen Diktatur ergangenen Unrechtsmaßnahmen trägt in nicht minderem Maße derjenige, der zur Errichtung dieses Systems erheblich beigetragen hat, der der Diktatur den Weg bereitet und dadurch einen Beitrag dazu geleistet hat, daß deren Unrechtsmaßnahmen erst möglich wurden. Dieses Ergebnis entspricht der Rechtsprechung sowohl zu § 2 HHG (vgl. Urteil vom 9. September 1959 - BVerwG VIII C 281.59 - BVerwGE 9, 132 [142]) als auch zu § 8 BWGöD (vgl. Urteil vom 28. Februar 1963 - BVerwG VIII C 81.61 - BVerwGE 15, 326 [27]).

3. Das erhebliche Vorschubleisten muß sich nicht auf das totalitäre System bezogen haben, das für den eingetretenen Vermögensverlust unmittelbar verantwortlich war. Das ergibt sich zweifelsfrei bereits daraus, daß der Anspruch auf Ausgleichsleistung nach § 1 Abs. 1 AusglLeistG eine entschädigungslose Enteignung auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage im Beitrittsgebiet voraussetzt, also eine Enteignung zu Zeiten des "kommunistischen Systems" im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG, daß gleichwohl aber ein Vorschubleisten zugunsten des nationalsozialistischen Systems eine Ausgleichsleistung ausschließt. Ebensowenig werden die an ein erhebliches Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG zu stellenden Anforderungen dadurch strenger, daß nicht das unmittelbar für die entschädigungslose Enteignung verantwortliche System unterstützt wurde.

4. Das erhebliche Vorschubleisten zugunsten des nationalsozialistischen Systems im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG weist eine objektive und eine subjektive Komponente auf.

a) Voraussetzung für den Anspruchsausschluß ist in objektiver Hinsicht, daß nicht nur gelegentlich oder beiläufig, sondern mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen wurden, die dazu geeignet waren, die Bedingungen für die Errichtung, die Entwicklung oder die Ausbreitung des nationalsozialistischen Systems zu verbessern oder Widerstand zu unterdrücken, und dies auch zum Ergebnis hatten (vgl. u. a. Urteil vom 1. Dezember 1966 - BVerwG VIII C 27.65 - Buchholz 412.3 § 3 BVFG Nr. 345 - und daran anschließend für § 2 Abs. 1 Nr. 1 HHG u. a. Urteil vom 22. Mai 1969 - BVerwG VIII C 80.65 - Buchholz 412.6 § 2 HHG Nr. 2 - und Beschluß vom 12. Februar 1991 - BVerwG 9 B 244.90 - Buchholz 412.6 § 2 HHG Nr. 3; zu § 6 Abs. 1 BEG: BGH, Urteile vom 4. August 1958 - IV ZR 56/58 - RzW 1958, 405 und vom 10. Juli 1986 - IX ZR 55/86 - BGHR BEG 6 Abs. 1 Nr. 1).

Ein "Vorschubleisten" im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG hat nach dem Wortsinn nicht anders als ein "Fördern" im Sinne von § 8 Abs. 1 BWGD, ein Unterstützen, ein Verbessern der Bedingungen für das entsprechende System zum Inhalt. Die Ausschlußtatbestände in § 1 Abs. 4 AusglLeistG und § 8 BWGöD unterscheiden sich in dieser Hinsicht erst dadurch, daß § 1 Abs. 4 AusglLeistG - nicht anders als § 3 Abs. 2 Nr. 1 BVFG und § 2 Abs. 1 Nr. 1 HHG - mit einem "erheblichen" Vorschubleisten eine höhere Intensität und Wirkung der Unterstützung verlangt. Ebensowenig verfängt das Argument, bei § 8 Abs. 1 BWGöD führe neben einem "Fördern" bereits die NSDAP-Mitgliedschaft zu einem Anspruchsausschluß, wogegen § 1 Abs. 4 AusglLeistG und § 3 Abs. 2 BVFG als Tatbestandsalternative u. a. einen Verstoß gegen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit verlangten. Auch insoweit ist das Merkmal der "Erheblichkeit" der Unterstützungshandlungen der Anknüpfungspunkt, dem für einen Anspruchsausschluß nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG zu fordernden Gewicht des Vorschubleistens Rechnung zu tragen. Abgesehen davon regelt § 8 Abs. 1 Satz 2 BWGöD, unter welchen Voraussetzungen bei einer lediglich nominellen Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen Geschädigten im Sinne von § 1 BWGöD gleichwohl eine Wiedergutmachung gewährt werden konnte. Es ist also nicht so, daß im Rahmen des BWGöD in jedem Fall schon allein eine Parteimitgliedschaft zum Leistungsausschluß führte.

Das Vorschubleisten muß sich auf das "nationalsozialistische System" gerichtet haben. Die unterstützende Tätigkeit muß sich auf spezifische Ziele des nationalsozialistischen Systems bezogen haben. Eine Unterstützung nicht spezifisch von der nationalsozialistischen Ideologie geprägter Bestrebungen, wie etwa des Zieles, den 2. Weltkrieg zu gewinnen, genügt nicht (vgl. Urteil vom 9. Mai 1962 - BVerwG V C 99.61 - BVerwGE 14, 142 [144]). Die Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen ist für ein Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG nicht erforderlich (vgl. BVerwG, Urteil vom 11. November 1959 - BVerwG VIII C 62.59 - BVerwGE 9, 317 [318] m. w. N. zu § 8 BWGöD und BGH, Urteile vom 10. Juli 1986 - IX ZR 55/86 - BSHR BEG § 6 Abs. 1 Nr. 1 - und vom 4. August 1958 - IV ZR 55/58 - RzW 1958, 405).

Ein "erhebliches" Vorschubleisten setzt ferner voraus, daß der Nutzen für das Regime nicht nur ganz unbedeutend gewesen ist (Urteile vom 22. Oktober 1987 - BVerwG 3 C 12.87 - Buchholz 427.6 § 3 BFG Nr. 25, vom 11. März 1965 - BVerwG VIII C 396.63 - ROW 1966, 30 = Buchholz 412.3 § 3 BVFG Nr. 40 [LS] und vom 1. Dezember 1966 - BVerwG VIII C 27.65 - aaO., sowie Beschluß vom 25. Oktober 1967 - BVerwG 8 B 197.67 -). Aus der Gesetzesbegründung zu § 1 Abs. 4 AusglLeistG, wonach die Hauptverantwortlichen für die Unrechtssysteme von einer Ausgleichsleistung ausgeschlossen werden sollten (vgl. BTDrucks. 12/4887 S. 38), ergeben sich keine darüber hinausgehenden Anforderungen. Eine Unterstützung, die den genannten qualifizierten Anforderungen an die Erheblichkeit des Vorschubleistens genügt, rechtfertigt es, den Betreffenden zugleich als Hauptverantwortlichen im Sinne dieser Regelung anzusehen. Daß insoweit eine engere Bedeutung, etwa im Sinne einer Beschränkung auf die in Nürnberg verurteilten Hauptkriegsverbrecher, gemeint war, läßt sich weder dem Wortlaut noch der Gesetzesbegründung von § 1 Abs. 4 AusglLeistG entnehmen.

b) Für die subjektiven Voraussetzungen eines Anspruchsausschlusses nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG ist von Bedeutung, daß es sich bei dieser Regelung ebensowenig wie bei § 8 Abs. 1 BWGöD um eine Strafvorschrift handelt oder nach der "Schuld" der Betroffenen gefragt wird. Vielmehr werden diejenigen, die dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System erheblichen Vorschub geleistet haben, wegen der besonderen Zwecke des Wiedergutmachungsrechts, zu dem auch das Ausgleichsleistungsgesetz zählt (vgl. BVerfGE 102, 254 [297 ff.]), von einer Ausgleichsleistung ausgeschlossen, weil sie ein erhebliches Maß an Mitverantwortung für die Errichtung oder spätere Maßnahmen des nationalsozialistischen oder des kommunistischen Systems tragen, mithin zu den "Hauptverantwortlichen" im Sinne der Gesetzesbegründung (BTDrucks. 12/4887 S. 38) zählen.

Die subjektiven Voraussetzungen des Ausschlußtatbestandes sind erfüllt, wenn die betreffende Person dabei in dem Bewußtsein gehandelt hat, ihr Verhalten könne diesen Erfolg haben, wenn ihr Handeln also hier-zu bestimmt war. Da ein "Vorschubleisten" dem Wortsinn nach ein inten-tionales Tätigwerden voraussetzt, also ein wissentliches und willentliches Handeln zugunsten eines Nutznießers - hier des nationalsozialistischen Systems -, genügt hierfür nicht bereits die Kenntnis der Ziele dieses Systems (vgl. BGH, Urteil vom 10. Juli 1986 - IX ZR 55/86 - BSHR BEG § 6 Abs. 1 Nr. 1). Andererseits muß die Errichtung oder Festigung des Systems nicht in der Absicht des Betreffenden gelegen haben (vgl. u. a. Urteile vom 11. November 1959 - BVerwG VIII C 62.59 - BVerwGE 9, 317 [318] m. w. N. und vom 28. Februar 1963 - BVerwG VIII C 81.61 - BVerwG E 15, 326 [327]). Das Wissen und Wollen des Vorschubleistenden muß sich nur auf das eigene Tätigwerden und dessen Wirkung als Beitrag zur Errichtung oder zur Festigung des nationalsozialistischen Systems bezogen haben, es muß nicht alle Einzelheiten der späteren Entwicklung einschließen. Auch insoweit kann an die Rechtsprechung zu § 8 BWGöD angeknüpft werden (vgl. u. a. Urteil vom 23. Oktober 1957 - BVerwG VI C 95.56 - Buchholz 233 § 8 BWGöD Nr. 6, wonach es für ein Fördern i. S. dieser Regelung unbeachtlich ist, ob sich der Betreffende über die weitere politische Entwicklung geirrt hat).

Unerheblich ist, ob der Betreffende mit seinem das nationalsozialistische System erheblich begünstigenden Handeln zugleich eigene andere Ziele verfolgt hat. Wer eigene politische Ziele verfolgt, kann damit zugleich auch wissentlich und willentlich die politischen Zwecke eines andern fördern (Urteil vom 28. Februar 1963 - BVerwG VIII C 81.61 - aaO.).

5. Eine Einstufung als "Entlasteter" oder "Minderbelasteter" im Rahmen der Entnazifizierung ist für die Beurteilung, ob die Voraussetzungen für einen Anspruchsausschluß nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG vorliegen, ohne Bedeutung. § 1 Abs. 4 AusglLeistG enthält weder für eine Tatbestands- noch für eine Feststellungswirkung der Entnazifizierungsentscheidung den erforderlichen normativen Anknüpfungspunkt. Ebensowenig ergibt sich ein entsprechender Wille des Gesetzgebers aus den Gesetzesmaterialien zum Ausgleichsleistungsgesetz. Bereits mit Urteil vom 20. März 1958 (- BVerwG II C 98.57 - Buchholz 233 § 8 BWGöD Nr. 9) hat das Bundesverwaltungsgericht eine Bindung an die Entnazifizierungsentscheidung für § 8 BWGöD verneint. Für § 1 Abs. 4 AusglLeistG gilt nichts anderes.

Gegen die Relevanz der Entnazifizierungsentscheidung für die Frage eines Ausschlusses von der Ausgleichsleistung sprechen neben dem fehlenden gesetzlichen Anhalt die unterschiedlichen Ziele, die der Ausschlußregelung in § 1 Abs. 4 AusglLeistG einerseits und den Maßnahmen im Rahmen der Entnazifizierung andererseits zugrunde lagen. Mit dem Anspruchsausschluß nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG soll - wie bereits ausgeführt - verhindert werden, daß die Hauptverantwortlichen für die zu revidierenden Unrechtsmaßnahmen das Ausgleichsleitungsgesetz zu ihren Gunsten in Anspruch nehmen (BTDrucks. 12/4887 S. 38). Dagegen lag der Entnazifizierung als wesentliches Ziel die Abwehr von Gefahren zugrunde, die sich von den durch ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus Belasteten für den Neuaufbau ergeben konnten.

6. Die vom Verwaltungsgericht getroffenen Feststellungen rechtfertigen die Annahme, daß H. dem nationalsozialistischen System im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG erheblichen Vorschub geleistet hat. Dabei gehen die Verfahrensrügen der Kl. fehl. Sie laufen im wesentlichen darauf hinaus, das Verwaltungsgericht hätte ein historisches Sachverständigengutachten einholen müssen. Hierzu bestand jedoch kein Anlaß, weil die getroffenen tatsächlichen Feststellungen allgemeinkundige Tatsachen betreffen und die vorzunehmenden Bewertungen nicht nach historischen, sondern nach rechtlichen Maßstäben vorzunehmen waren.

a) Als erhebliches Vorschubleisten durch H. hat das Verwaltungsgericht schon die auf Initiative H.s zurückgehende Aufnahme der NSDAP in das Bündnis gegen den Young-Plan (gemeinsame Organisation des Volksentscheids) und deren Einbeziehung in die "Harzburger Front" gesehen. Dadurch sei das Ansehen der NSDAP in der Bevölkerung gestiegen und Hitler salonfähig geworden. Gegen diese Wertung, die das Verwaltungsgericht auf entsprechende Aussagen im zeitgeschichtlichen Schrifttum gestützt hat (vgl. statt vieler Fest, Hitler, 1973, S. 367 ff.), sind weder in tatsächlicher Hinsicht durchgreifende Rügen erhoben worden, noch begegnet die darauf gestützte rechtliche Würdigung Bedenken. Es unterliegt vor der nachfolgenden Entwicklung der politischen Machtverhältnisse in der Weimarer Republik keinen Zweifeln, daß diese Initiativen H.s geeignet waren, die Nationalsozialisten zu stärken und damit den Weg in das nationalsozialistische System vorzubereiten.

Daß die Beseitigung des verfassungsmäßigen Regierungssystems der Weimarer Republik nicht allein ein nationalsozialistisches Ziel war, sondern auch von anderen Parteien angestrebt wurde, hat das Verwaltungsgericht nicht verkannt. Entscheidend für ein Vorschubleisten zugunsten des nationalsozialistischen Systems ist insoweit in objektiver Hinsicht allein, daß H. dazu beigetragen hat, daß an die Stelle der Weimarer Republik die Herrschaft Hitlers und der NSDAP getreten ist. Damit wurde spezifisch nationalsozialistischen Zielen zur Umsetzung verholfen.

Ein erhebliches Vorschubleisten im Sinne von § 1 Abs. 4 AusglLeistG hat das Verwaltungsgericht außerdem darin gesehen, daß H. als bekannter und einflußreicher Politiker Reichsminister im ersten Kabinett Hitler wurde. Ohne Mitwirkung H.s hätte Hindenburg Hitler nicht zum Reichskanzler ernannt. In der Öffentlichkeit wurde mit der ersten Beteiligung von Nationalsozialisten an der Reichsregierung der Eindruck erweckt, Hitler und die NSDAP seien vertrauenswürdig. Das waren die Gründe, die das Bundesverwaltungsgericht im Falle des Staatssekretärs von H. im Landwirtschaftsministerium veranlaßt hatten, ein Fördern des Nationalsozialismus im Sinne von § 8 BWGöD anzunehmen (vgl. Urteil vom 28. Februar 1963 - BVerwG VIII C 81.61 - BVerwGE 15, 326 [327]). Für H. als damals noch erheblich bekanntere und einflußreichere Person des politischen Lebens kann in bezug auf ein "Vorschubleisten" nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG nichts anderes gelten.

In die Zeit der Regierungsbeteiligung H.s, die bis Ende Juni 1933 ging, fallen außerdem wichtige von ihm mitgetragene Rechtsakte, die wesentlich zur Errichtung des nationalsozialistischen Systems beigetragen haben. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 (RGBl. I S. 141) gab der Reichsregierung mit der Befugnis zum Beschluß von Reichsgesetzen, die sogar von der Verfassung abweichen konnten, ein wichtiges Instrument an die Hand, das von den Nationalsozialisten in der Folgezeit zur weiteren Aushöhlung der verfassungsmäßigen Rechte und zur grundlegenden Umgestaltung der Staats- und Rechtsordnung in ihrem Sinne eingesetzt wurde. Das von der Reichsregierung beschlossene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RGBl. I S. 175) eröffnete die Möglichkeit, Beamte, die nicht arischer Abstammung waren (§ 3), und politisch mißliebige Beamte (§ 4) aus dem Dienst zu entlassen. Die ebenfalls von der Reichsregierung beschlossenen Gleichschaltungsgesetze (vgl. u. a. das Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933, RGBl. I S. 153, und das Zweite Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 7. April 1933, RGBl. I S. 173) leiteten in den zentral gelenkten Führerstaat über.

Zu Recht hat das Verwaltungsgericht in diesem Wirken H. kein nur gelegentliches und beiläufiges Handeln zugunsten des nationalsozialistischen Systems gesehen, sondern die für einen Anspruchsausschluß nach § 1 Abs. 4 AusglLeistG erforderliche Stetigkeit des Handelns bejaht. Das politische Handeln H.s im Vorfeld der nationalsozialistischen Machtergreifung sowie seine Rolle bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und seine Mitwirkung in der Regierung erfüllen ohne weiteres auch die Voraussetzungen für eine Qualifizierung als "erhebliches" Vorschubleisten. Der Nutzen, der für das nationalsozialistische System in der Phase seiner Etablierung daraus resultierte, war offenkundig nicht nur ganz unbedeutend.

b) In der Person von H. sind die subjektiven Voraussetzungen des Ausschlußtatbestandes ebenfalls erfüllt. Sowohl die Einbeziehung der NSDAP in das Bündnis gegen den Young-Plan im Jahr 1929 und deren Aufnahme in die "Harzburger Front" im Jahr 1931 als auch H.s Mitwirkung an der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 sind bewußt und gewollt erfolgt. Nur auf diese Unterstützungshandlungen und deren Wirkung als Beitrag zur Errichtung oder Festigung des nationalsozialistischen Systems muß sich jedoch der subjektive Tatbestand des erheblichen Vorschubleistens beziehen. Daß durch die mit seinem Handeln verbundene "Aufwertung" der Nationalsozialisten auch deren politischen Ziele Unterstützung fanden, konnte H. aufgrund seiner umfangreichen Erfahrungen als Politiker nicht verborgen geblieben sein. Ebenso konnte er das Streben der Nationalsozialisten nach der Alleinherrschaft und - wie der offene Terror der SA auf der Straße deutlich machte - deren Bereitschaft, zur Erreichung ihrer Ziele auch Gewalt einzusetzen, erkennen. Ob und inwieweit H. die Ideologie und die politischen Ziele der Nationalsozialisten teilte oder eigene politische Ziele verfolgte, hat das Verwaltungsgericht zu Recht für unerheblich gehalten. Jedenfalls hat er - wie die Nationalsozialisten - das Ende der Weimarer Republik und die Etablierung eines autoritären Regimes angestrebt. Er hat hierfür bewußt ein Bündnis mit der NSDAP geschlossen, aus dem diese gestärkt hervorgegangen ist. Ebensowenig steht sein Bewußtsein, dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub zu leisten, deshalb in Frage, weil H. - wie das Verwaltungsgericht ebenfalls festgestellt hat - zunächst versucht hat, eine Regierungsbeteiligung Hitlers abzuwehren und ihn in der Regierung jedenfalls unter Kontrolle zu halten. Er hat ihm 1933 gleichwohl bewußt und gewollt zur Kanzlerschaft verholfen. Die damit errungene Machtposition wurde zum Ausgangspunkt für die weitere Etablierung des nationalsozialistischen Systems. Darauf, ob und inwieweit H. die spätere Alleinherrschaft der Nationalsozialisten und das Erscheinungsbild ihrer Gewaltherrschaft in allen Einzelheiten - also etwa auch die Vernichtungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung oder die gewaltsame Expansionspolitik - vorhersah und wollte, kommt es nicht an.

Leitsatz

häufig von der Redaktion verfasst

Anmerkung: Zu § 1 Abs. 4 AusglLeistG auch VG Berlin, Urteil vom 18.3.2005 - 31 A 492/03 -, ZOV 2005, 189 und BVerwG, Urteil vom 24.2.2005 - BVerwG 3 C 16/04 - siehe in diesem Heft Seite 231