Nicht offenbarte Räumungsbereitschaft kein Grund zur Klageerhebung
ZPO §§ 257, 307 Satz 1, 91 Abs. 1 Satz 1, 93
Leitsatz
häufig von der Redaktion verfasst
Der auf künftige Räumung verklagte Mieter von Gewerberäumen ist zur Vermeidung der Kostenfolge des § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO nicht gehalten, sich auf eine Aufforderung des Vermieters zu seiner Bereitschaft zu erklären, die Mieträume bei Vertragsende an den Vermieter herauszugeben. Allein durch sein Schweigen auf eine solche Aufforderung des Vermieters gibt er noch keine Veranlassung zur Klageerhebung i.S.v. § 93 ZPO.
Aus den Gründen
Wortlaut des Gerichts
I. 1 Gegenstand des Rechtsbeschwerdeverfahrens ist die Kostenentscheidung eines gegen die Bekl. ergangenen Anerkenntnisurteils.
2 Zwischen den Kl. und den Bekl. bestand seit August 2018 ein zunächst befristetes und sodann unbefristetes Mietverhältnis über von den Bekl. als Arztpraxis genutzte Räumlichkeiten. Mit Schreiben vom 16. März 2022 erklärten die Kl. fristgerecht die ordentliche Kündigung zum 30. September 2022. Nachdem eine Reaktion der Bekl. auf die Kündigung ausblieb, ließen die Kl., die eine Anschlussvermietung planten, die Bekl. mit anwaltlichem Schreiben vom 28. April 2022 auffordern, bis 12. Mai 2022 die fristgerechte Räumung der Mieträume zu bestätigen. Da die Bekl. auch hierauf nicht reagierten, forderten die Kl. die Bekl. mit weiterem Anwaltsschreiben vom 27. Mai 2022 erneut zur Bestätigung der fristgerechten Räumung bis spätestens 10. Juni 2022 auf.
3 Mangels Reaktion der Bekl. hierauf haben die Kl. im Juli 2022 Klage auf künftige Räumung gegen die Bekl. erhoben und dabei auch die Freistellung von vorgerichtlichen Anwaltskosten verlangt. Anfang August 2022 führten die Bekl. Gespräche mit der Nachmieterin und einigten sich mit dieser über die Übernahme von Mobiliar. Dies teilten sie dem Kl. zu 2 am 11. August 2022 mit und schlugen die letzte Septemberwoche für die Rückgabe der Räumlichkeiten vor. Nach Anordnung des schriftlichen Vorverfahrens und Zustellung der Klage nebst Eingangsverfügung am 12. August 2022 haben die Bekl. die geltend gemachten Ansprüche am 24. August 2022 unter Protest gegen die Kostenlast anerkannt. Sie haben dabei geltend gemacht, den Kl. keinen Anlass zur Klageerhebung gegeben zu haben, und angekündigt, die Mieträume pünktlich zum Vertragsende geräumt herauszugeben.
4 Das Landgericht hat die Bekl. ihrem Anerkenntnis gemäß verurteilt und ihnen die Kosten des Rechtsstreits auferlegt. Auf die gegen die Kostenentscheidung gerichtete sofortige Beschwerde der Bekl. hat das Oberlandesgericht das landgerichtliche Anerkenntnisurteil im Kostenpunkt dahin geändert, dass die Kl. die Kosten des Rechtsstreits zu tragen haben. Hiergegen wenden sich die Kl. mit der zugelassenen Rechtsbeschwerde.
II. 5 Die aufgrund ihrer Zulassung gemäß § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthafte und auch im Übrigen zulässige Rechtsbeschwerde hat keinen Erfolg.
6 1. Das Oberlandesgericht hat zur Begründung seiner in WuM 2023, 50 ff. veröffentlichten Entscheidung ausgeführt, die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens seien nach § 93 ZPO den Kl. aufzuerlegen, weil die Bekl. die Klage noch innerhalb der Frist zur Abgabe einer Verteidigungsanzeige und damit „sofort“ anerkannt und den Kl. auch keine Veranlassung zur Klageerhebung gegeben hätten. Die Kl. hätten einen Prozess zur Durchsetzung ihres Räumungs- und Herausgabeanspruchs vernünftigerweise nicht für notwendig halten dürfen, um zu ihrem Recht zu kommen. Ein Schweigen des Schuldners auf eine Aufforderung des Gläubigers, vor Fälligkeit der Leistung seine Leistungsbereitschaft zu erklären, sei grundsätzlich nicht gegen den Schuldner auszulegen, weil dieser im Allgemeinen vor Fälligkeit des Anspruchs nicht verpflichtet sei, sich zu seiner Leistungsbereitschaft und -fähigkeit zu erklären. Dieser Grundsatz gelte auch im Recht der gewerblichen Miete, weshalb die Bekl. nicht verpflichtet gewesen seien, auf die zweimalige Aufforderung der Kl. mitzuteilen, dass sie die Mieträume pünktlich zum Ende der Mietzeit zum 30. September 2022 räumen werden. Sie hätten daher auch keinen Anlass zur Klageerhebung gegeben, indem sie nicht auf die Aufforderungen der Kl. reagiert hätten. Anlass zur Klageerhebung gebe der Mieter nur dann, wenn er aktiv ein Verhalten an den Tag lege, das aus Sicht eines objektiven, vernünftigen Betrachters an seiner Erfüllungsbereitschaft zweifeln lasse.
7 Dass die Bekl. den Kl. vorprozessual aktiv Anlass zu der Besorgnis gegeben hätten, sie würden die Mieträume nicht pünktlich zum Mietende räumen, hätten die insoweit darlegungsbelasteten Kl. nicht dargetan. Insbesondere ergebe sich dies nicht daraus, dass die Bekl. sich „erst“ im August 2022 - mithin nach Einreichung der Klage, aber vor Fälligkeit des Räumungs- und Herausgabeanspruchs - mit der potentiellen Nachmieterin wegen einer möglichen Übernahme des Mobiliars in Verbindung gesetzt und den Kl. zu 2 über die getroffene Vereinbarung informiert hätten. Die Bekl. hätten damit im Gegenteil noch vor Fälligkeit des Anspruchs zu verstehen gegeben, die Mieträume mit Ablauf der Mietzeit zurückgeben zu wollen.
8 2. Dies hält rechtlicher Nachprüfung stand.
9 Abweichend von der allgemeinen Kostenregelung in § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO, wonach die unterlegene Partei die Kosten des Rechtsstreits zu tragen hat, trifft den erfolgreichen Kl. gemäß § 93 ZPO die Kostenlast, wenn der Bekl. den klageweise geltend gemachten Anspruch sofort anerkennt und er durch sein Verhalten keine Veranlassung zur Klage gegeben hat. Ob diese Voraussetzungen im Einzelfall vorliegen, ist eine Frage tatrichterlicher Würdigung, die im Rechtsbeschwerdeverfahren nur eingeschränkter Überprüfung unterliegt (BGH, Beschluss vom 21. März 2019 - IX ZB 54/18 - NJW 2019, 1525 Rn. 5 m.w.N.).
10 Das Oberlandesgericht hat die Voraussetzungen des § 93 ZPO ohne Rechtsfehler bejaht. Es ist zunächst beanstandungsfrei davon ausgegangen, dass die Bekl. das innerhalb der zweiwöchigen Notfrist zur Abgabe einer Verteidigungsanzeige (§ 276 Abs. 1 Satz 1 ZPO) abgegebene Anerkenntnis sofort i.S.d. § 93 ZPO erklärt haben (vgl. zu den Anforderungen BGHZ 168, 57 = FamRZ 2006, 1189 ff.). Auch die Würdigung, die Bekl. hätten durch ihr Schweigen auf die zweimalige Aufforderung der Kl., ihre Bereitschaft zur Herausgabe der Mieträume bei Ende der Mietzeit zu bestätigen, keine Veranlassung zur Klageerhebung gegeben, begegnet keinen rechtlichen Bedenken.
11 a) Veranlassung zur Klageerhebung i.S.v. § 93 ZPO gibt der Bekl. dann, wenn sein Verhalten vor dem Prozess aus Sicht des Kl. bei vernünftiger Betrachtung hinreichenden Anlass für die Annahme bietet, er werde ohne Inanspruchnahme der Gerichte nicht zu seinem Recht kommen. Diese Beurteilung bedarf einer Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und ist allgemeiner Beurteilung nicht zugänglich (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 20. September 2022 - XI ZB 4/22 - WM 2022, 2147 Rn. 27 m.w.N.).
12 b) An diesen Maßgaben gemessen hat das Oberlandesgericht eine Veranlassung zur Klageerhebung durch die Bekl. zu Recht verneint.
13 aa) Richtig hat das Oberlandesgericht zunächst angenommen, dass der Schuldner im Allgemeinen vor Fälligkeit des Anspruchs grundsätzlich nicht verpflichtet oder zur Vermeidung eigener Kostennachteile gehalten ist, sich zu seiner Leistungsbereitschaft zu erklären (vgl. OLG Hamm, ZMR 1996, 449; OLG Stuttgart, WuM 1999, 414; MünchKommZPO/Becker-Eberhard 6. Aufl., § 257 Rn. 19; Zöller/Greger, ZPO, 34. Aufl., § 257 Rn. 6; Wieczorek/Schütze/Assmann, ZPO, 5. Aufl., § 257 Rn. 30 m.w.N.; BeckOK ZPO/Jaspersen [Stand: 1. März 2023], § 93 Rn. 33a; BeckOGK/Zehelein [Stand: 1. April 2023], BGB § 546 Rn. 202 m.w.N.; Saenger/Saenger, ZPO, 9. Aufl., § 257 Rn. 7; Stein/Jonas/Roth, ZPO, 23. Aufl., § 257 Rn. 14 m.w.N.).
14 bb) Durchgreifende Gründe, dies für das gewerbliche Mietrecht anders zu beurteilen, bestehen nicht.
15 (1) Teilweise wird insoweit allerdings in Rechtsprechung und Literatur die Auffassung vertreten, der Mieter gebe jedenfalls bei erkennbar begründeter Kündigung Veranlassung zur Klage, wenn er seine Bereitschaft, das Mietobjekt bei Ablauf der Mietzeit geräumt an den Vermieter herauszugeben, auf Aufforderung des Vermieters nicht erkläre (vgl. OLG Nürnberg, MietRB 2004, 203 f. mit Anm. von Bieber m.w.N.; OLG Stuttgart, WuM 1999, 414; Guhling/Günter/Geldmacher, Gewerberaummiete, 2. Aufl., 16. Teil Kap. 3 Rn. 27 m.w.N.; Lützenkirchen/Lützenkirchen, Mietrecht, 3. Aufl., § 546 BGB Rn. 24a und b m.w.N. [zu § 259 ZPO]; Saenger/Gierl, ZPO, 9. Aufl., § 93 Rn. 15). Zur Begründung wird angeführt, der Vermieter habe ein berechtigtes Interesse, frühzeitig zu wissen, ob die Mieträume sofort nach Ende der Mietzeit für eine Weitervermietung oder Bau- oder Sanierungsmaßnahmen zur Verfügung stünden (vgl. z. B. OLG Stuttgart, WuM 1999, 414; Henssler, NJW 1989, 138, 142; Lützenkirchen/Lützenkirchen, Mietrecht, 3. Aufl., § 546 BGB Rn. 24a m.w.N.).
16 (2) Nach anderer Meinung, der sich das Oberlandesgericht angeschlossen hat, gibt der Mieter nicht allein deshalb Veranlassung zur Klageerhebung, weil er sich auf Nachfrage des Vermieters vor Fälligkeit des Räumungs- und Herausgabeanspruchs nicht zu seiner Erfüllungsbereitschaft erklärt. Vielmehr bedürfe es insoweit eines aktiven Verhaltens des Mieters, aus dem der Vermieter den Schluss ziehen könne, dass der Mieter seiner Verpflichtung zur Räumung und Herausgabe des Mietobjekts bei Ende der Mietzeit nicht nachkommen werde (vgl. OLG Karlsruhe, NJW 1984, 2953 [zur Wohnraummiete]; OLG Hamm, ZMR 1996, 449; Breckerfeld NZM 2000, 328; MünchKommZPO/Becker-Eberhard, 6. Aufl., § 257 Rn. 19; Stein/Jonas/Roth, ZPO, 23. Aufl., § 257 Rn. 14; Schmidt-Futterer/Streyl, Mietrecht, 15. Aufl., § 546 BGB Rn. 128; Saenger/Saenger, ZPO, 9. Aufl., § 257 Rn. 7; Staudinger/Rolfs, BGB [2021] § 546 Rn. 56 m.w.N. [zu § 259 ZPO]; BeckOGK/Zehelein [Stand: 1. April 2023], BGB § 546 Rn. 202 m.w.N.).
17 (3) Die zuletzt genannte Auffassung trifft zu.
18 (a) Das Verfahren nach § 257 ZPO soll dem Gläubiger des Räumungsanspruchs zwar eine frühzeitige Möglichkeit zur gerichtlichen Durchsetzung seines erst künftig fällig werdenden Anspruchs eröffnen. Ihm soll aber das Kostenrisiko, das sich nach § 93 ZPO aus einem vom als Räumungsschuldner in Anspruch genommenen Besitzer ggf. erklärten sofortigen Anerkenntnis ergibt, nicht abgenommen werden. Gerade für Verfahren nach § 257 ZPO, mit denen über die allgemeinen Rechtsschutzmöglichkeiten hinaus Ansprüche auf künftige Räumung von nicht zu Wohnzwecken dienenden Räumlichkeiten und Grundstücken schon vor Fälligkeit gerichtlich geltend gemacht werden können, stellt die Regelung in § 93 ZPO ein wichtiges gesetzliches Korrektiv zur Wahrung der schutzwürdigen Belange des Schuldners dar. Da der Räumungsschuldner bei einem Vorgehen des Gläubigers nach § 257 ZPO schon vor Fälligkeit einem Rechtsstreit über seine Räumungsverpflichtung ausgesetzt ist, ohne dass er hierzu Anlass gegeben haben müsste, und ohne dass er einen solchen Rechtsstreit effektiv hätte vermeiden können, kommt der durch § 93 ZPO eröffneten Möglichkeit des Bekl., durch ein sofortiges Anerkenntnis eine nachteilige Kostenfolge abzuwenden, besondere Bedeutung zu. Insbesondere ist nur durch die Kostenregelung in § 93 ZPO, die dem Räumungsgläubiger das Kostenrisiko eines anlasslosen Rechtsstreits zuweist, den Interessen beider Parteien angemessen Rechnung getragen.
19 Bei der Frage, ob der Bekl. Veranlassung zur Klageerhebung i.S.v. § 93 ZPO gegeben hat, kann es dabei im Verfahren nach § 257 ZPO von vornherein nur auf das Verhalten des Bekl. vor Fälligkeit des Anspruchs ankommen. Da aber erst der Fälligkeitszeitpunkt entscheidend für die Leistungserbringung durch den Schuldner ist und es sich bei § 257 ZPO um eine Ausnahmeregelung zugunsten des Gläubigers handelt, die jedoch die Bedeutung des Fälligkeitszeitpunkts nicht außer Kraft setzt, dürfen zur Wahrung der schutzwürdigen Interessen des Räumungsschuldners an dessen Verhalten in der Zeit vor Fälligkeit keine überhöhten Anforderungen gestellt werden (vgl. auch MünchKommZPO/Becker-Eberhard, 6. Aufl., § 257 Rn. 19).
20 (b) Weil der Schuldner Veranlassung zur Klageerhebung i.S.v. § 93 ZPO nur dann gegeben hat, wenn aus seinem Verhalten darauf zu schließen war, dass er seine Verpflichtungen bei Fälligkeit nicht erfüllen wird (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 20. September 2022 - XI ZB 4/22 - WM 2022, 2147 Rn. 27 m.w.N.), bedarf es aus ex-ante-Sicht des Gläubigers und späteren Kl. konkreter, aus dem Verhalten des Schuldners abzuleitender Anhaltspunkte dafür, dass dieser bei Fälligkeit nicht leisten werde. Ohne derartige Anhaltspunkte besteht dagegen - gerade vor Fälligkeit des Anspruchs - regelmäßig kein Grund für Misstrauen an einem pflichtgemäßen Verhalten des Schuldners und damit für eine Klage zur vorsorglichen Durchsetzung des Anspruchs.
21 Allein aus dem Schweigen des Mieters auf eine Aufforderung des Vermieters, sich über seine künftige Vertragstreue und Leistungsbereitschaft zu erklären, ergeben sich derartige Anhaltspunkte grundsätzlich nicht. Zwar liegt bei einem ungestörten Vertragsverhältnis nach allgemeinen Gepflogenheiten nahe, dass die Vertragspartner auf Fragen des anderen Vertragsteils in irgendeiner Weise reagieren, und sei es nur mit der Mitteilung, dass die Frage (derzeit) nicht beantwortet werden könne. Aus dem Ausbleiben einer Reaktion kann dennoch ohne Hinzutreten weiterer Umstände nicht auf eine fehlende Erfüllungsbereitschaft geschlossen werden, weil dieses auf vielfältigen Gründen beruhen kann. Mangels einer Verpflichtung des Schuldners, sich zu seiner Erfüllungsbereitschaft zum Fälligkeitszeitpunkt zu erklären, ist das bloße Schweigen auf eine derartige Anfrage mithin im Regelfall nicht als Ausdruck des Fehlens der Erfüllungsbereitschaft zu deuten.
22 Anlass, für das gewerbliche Mietrecht von diesen Grundsätzen abzuweichen, besteht nicht. Zwar hat der Vermieter regelmäßig schon mit Blick auf eine mögliche Anschlussverwendung des Mietobjekts ein nachvollziehbares Interesse daran, zu wissen, ob sich der Mieter vertragstreu verhalten und seine Pflichten bei Ende der Mietzeit erfüllen wird, oder ob es zur Durchsetzung seines Herausgabeanspruchs eines gerichtlichen Vorgehens bedarf. Ein solches Interesse des Vermieters ist anzuerkennen, auch wenn die Erklärung des Mieters, er akzeptiere die Kündigung und sei grundsätzlich bereit, das Mietobjekt bei Ende der Mietzeit geräumt an den Vermieter herauszugeben, keine vollständig sichere Planungsgrundlage für den Vermieter bietet, weil nicht gewährleistet ist, dass die Haltung des Mieters bis zum Mietende unverändert bleibt. Eine Erklärung des Mieters über seine Herausgabebereitschaft ist für den Vermieter schon deshalb von Wert, weil dieser im Fall einer erkennbaren Verweigerungshaltung des Mieters frühzeitig ohne eigenes Kostenrisiko eine Räumungsklage nach §§ 257, 259 ZPO erheben kann.
23 Allerdings unterscheidet sich das Interesse des Vermieters an einer Planungsgrundlage nicht wesentlich von demjenigen der Gläubiger anderer Schuldverhältnisse, denen ein Interesse an einer Planungsmöglichkeit regelmäßig ebenfalls nicht gänzlich abgesprochen werden kann. Zudem ist auch ein Interesse des Mieters anzuerkennen, die Berechtigung der Kündigung des Vermieters und die Möglichkeit der Beschaffung von Ersatzräumlichkeiten gründlich zu prüfen und sich nicht frühzeitig zur Berechtigung des Herausgabeverlangens des Vermieters und der eigenen Räumungsbereitschaft äußern zu müssen. Dem Interesse des Vermieters, pünktlich zum Mietzeitende wieder in den Besitz der Räumlichkeiten zu kommen, ist vor diesem Hintergrund mit der durch § 257 ZPO eröffneten Möglichkeit, vor Fälligkeit des Herausgabeanspruchs mit eigenem Kostenrisiko Klage auf Räumung und Herausgabe des Mietobjekts zu erheben, hinreichend Rechnung getragen.
24 cc) Das OLG hat dem Verhalten der Bekl. danach mangels hieraus abzuleitender konkreter Anhaltspunkte für das Fehlen einer Rückgabebereitschaft rechtsfehlerfrei nicht die Bedeutung beigemessen, dass sie aus der maßgeblichen Sicht der Kl. Zweifel an ihrer Bereitschaft, die Mieträume pünktlich bei Ende der Mietzeit geräumt an die Kl. zurückzugeben, geweckt hätten.
Leitsatz
häufig von der Redaktion verfasst
Die unterliegende Partei hat die Kosten des Rechtsstreits zu tragen, insbesondere die dem Gegner erwachsenen Kosten zu erstatten, soweit sie zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung notwendig waren. Das bestimmt § 91 Abs. 1 Satz 1 der Zivilprozessordnung (ZPO). Der auf künftige Räumung verklagte Mieter von Gewerberäumen muss sich zur Vermeidung dieser Kostenfolge nach einer Aufforderung des Vermieters, seine Bereitschaft zur Räumung der Mieträume bei Vertragsende zu erklären, äußern. Allein durch sein Schweigen auf eine solche Aufforderung des Vermieters gibt er aber noch keine Veranlassung zur Klageerhebung.
Der Fall
Bearbeitung des Verlags, keine Aussage des Gerichts
Zwischen den Klägern und den Beklagten bestand ein zunächst befristetes, später unbefristetes Mietverhältnis über von den Beklagten als Arztpraxis genutzte Räumlichkeiten. Mit Schreiben vom 16. März 2022 erklärten die Kläger fristgerecht die ordentliche Kündigung zum 30. September 2022. Auf die Kündigung reagierten die Beklagten nicht. Weil die Kläger eine Anschlussvermietung planten, ließen sie daraufhin die Beklagten mit anwaltlichem Schreiben vom 28. April 2022 auffordern, bis 12. Mai 2022 die fristgerechte Räumung der Mieträume zu bestätigen. Auch darauf reagierten die Beklagten nicht, ebenso wenig auf ein weiteres Anwaltsschreiben vom 27. Mai 2022, mit dem sie erneut zur Bestätigung der fristgerechten Räumung bis spätestens 10. Juni 2022 aufgefordert wurden.
Daraufhin erhoben die Kläger im Juli 2022 Klage auf künftige Räumung gegen die Beklagten und verlangten dabei auch die Freistellung von vorgerichtlichen Anwaltskosten.
Anfang August 2022 führten die Beklagten Gespräche mit der in Aussicht genommenen Nachmieterin und einigten sich mit dieser über die Übernahme von Mobiliar. Dies teilten sie dem Kläger zu 2) am 11. August 2022 mit und schlugen die letzte Septemberwoche für die Rückgabe der Räumlichkeiten vor.
Nach Anordnung des schriftlichen Vorverfahrens und Zustellung der Klage erkannten die Beklagten die geltend gemachten Ansprüche sofort, allerdings unter Protest gegen die Kostenlast an. Sie hätten den Klägern keinen Anlass zur Klageerhebung gegeben und kündigten an, die Mieträume pünktlich zum Vertragsende geräumt herauszugeben.
Das LG verurteilte die Beklagten ihrem Anerkenntnis gemäß und legte ihnen die Kosten des Rechtsstreits auf. Auf die gegen die Kostenentscheidung gerichtete sofortige Beschwerde der Beklagten änderte das OLG das landgerichtliche Anerkenntnisurteil und legte den Klägern die Kosten auf. Deren Rechtsbeschwerde hatte vor dem BGH keinen Erfolg.
Die Entscheidung
Bearbeitung des Verlags, keine Aussage des Gerichts
Abweichend von der allgemeinen Kostenregelung in § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO, wonach die unterlegene Partei die Kosten des Rechtsstreits zu tragen habe, treffe den erfolgreichen Kläger nach § 93 ZPO die Kostenlast, wenn der Beklagte den Anspruch sofort anerkenne und er durch sein Verhalten keine Veranlassung zur Klage gegeben habe. Das OLG hat die Voraussetzungen des § 93 ZPO zutreffend bejaht. Das abgegebene Anerkenntnis sei sofort i.S.d. § 93 ZPO erfolgt. Auch die Würdigung, die Beklagten hätten durch ihr Schweigen auf die zweimalige Aufforderung der Kläger, ihre Bereitschaft zur Herausgabe der Mieträume bei Ende der Mietzeit zu bestätigen, keine Veranlassung zur Klageerhebung gegeben, begegne keinen rechtlichen Bedenken.
Der Schuldner sei im Allgemeinen vor Fälligkeit des Anspruchs grundsätzlich nicht verpflichtet oder zur Vermeidung eigener Kostennachteile gehalten, sich zu seiner Leistungsbereitschaft zu erklären. Durchgreifende Gründe, dies für das gewerbliche Mietrecht anders zu beurteilen, bestünden nicht.
Teilweise werde insoweit zwar in Rechtsprechung und Literatur die Auffassung vertreten, der Mieter gebe jedenfalls bei erkennbar begründeter Kündigung Veranlassung zur Klage, wenn er seine Bereitschaft, das Mietobjekt bei Ablauf der Mietzeit geräumt an den Vermieter herauszugeben, auf Aufforderung des Vermieters nicht erkläre. Nach anderer Meinung gebe der Mieter jedoch nicht allein deshalb Veranlassung zur Klageerhebung, weil er sich auf Nachfrage des Vermieters vor Fälligkeit des Räumungs- und Herausgabeanspruchs nicht zu seiner Erfüllungsbereitschaft erkläre. Vielmehr bedürfe es insoweit eines aktiven Verhaltens des Mieters, aus dem der Vermieter den Schluss ziehen könne, dass der Mieter seiner Verpflichtung zur Räumung und Herausgabe des Mietobjekts bei Ende der Mietzeit nicht nachkommen werde. Die zuletzt genannte Auffassung trifft nach Ansicht des BGH zu.