veraMietrecht · Immobilien · Eigentum
zurück zur Suche

Erstvermietung nach umfassender Modernisierung

LG Berlin64 S 210/2113.12.2023GE 2024, 288

BGB § 556f

Leitsätze

häufig von der Redaktion verfasst

1. Beruft der Vermieter sich im Rahmen eines Streits um die Einhaltung der „Mietpreisbremse“ gemäß § 556d ff. BGB auf den Ausnahmetatbestand, dass es sich um die erste Vermietung nach umfassender Modernisierung i.S.d. § 556f Satz 2 BGB handele, kann sein Vortrag nicht deswegen als insgesamt unerheblich verworfen werden, weil er den Zustand der Wohnung vor Modernisierung nicht in allen Einzelheiten zu beschreiben vermag und hinreichend detaillierten Vortrag zu den (fiktiven) Instandhaltungsanteilen unterlässt. Es obliegt dann vielmehr dem Mieter, die eingeführten Rechnungen zu prüfen und aufzuzeigen, welche abgerechneten Bauteile oder Einrichtungen schon vor den Baumaßnahmen vorhanden gewesen sein sollen und daher um einen Instandhaltungsabschlag zu kürzen seien. Hat der Mieter keine Kenntnisse vom Zustand der Mietsache vor Durchführung der Arbeiten, darf er zwar nicht ins Blaue hinein fantasieren, kann aber mit Erfahrungssätzen oder Vermutungen arbeiten und wird regelmäßig ohne Verstoß gegen die Wahrheitspflicht behaupten dürfen, eine erneuerte Einrichtung habe vor Beginn der Baumaßnahmen bereits ihre zu erwartende Nutzungsdauer erreicht gehabt. Tritt der Vermieter dem nicht durch substantiierten Vortrag entgegen, wird das Gericht auf dieser Tatbestandsgrundlage zu entscheiden und ggf. nach § 287 Abs. 2 ZPO durch Schätzung zu ermitteln haben, in welcher Höhe (fiktive) Instandhaltungskosten abzusetzen sind, darf aber nicht schlicht davon absehen, sich mit dem Rechenwerk des Vermieters überhaupt zu befassen. (Anschluss/Umsetzung BGH - VIII ZR 369/18 -, Urt. v. 11. November 2020, GE 2021, 237 ff.)

2. Die Kosten des erstmaligen Einbaus einer zeitgemäßen Elektroanlage sind insgesamt als Modernisierungskosten zu berücksichtigen, wenn die vor der Modernisierung vorhandene Elektroanlage zwar Bestandsschutz genoss, aber jegliche Veränderung das Erfordernis ihrer vollständigen Erneuerung mit sich gebracht hätte. War die vorhandene Elektroinstallation schlicht nicht instandsetzungsfähig, so spricht dies entscheidend gegen den Ansatz fiktiver Instandsetzungskosten. Der Umstand, dass die Wohnung nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ohne eine hinreichende Anzahl gleichzeitig belastbarer Steckdosen mangelhaft wäre, stellt den Modernisierungscharakter der Maßnahme nicht infrage.

Aus den Gründen

Wortlaut des Gerichts

1. Beide Berufungen sind zulässig, insbesondere statthaft sowie form- und fristgerecht eingelegt und begründet worden, §§ 511, 517, 519, 520 ZPO.

2. Die Berufung des Bekl. ist vollumfänglich begründet, während die Berufung der Kl. unbegründet ist. Die Klage ist insgesamt abzuweisen, da ein Verstoß des Bekl. gegen die Vorschriften über die „Mietpreisbremse“ nach §§ 556d ff. BGB nicht feststellbar ist. Die Vorschriften der §§ 556d, 556e BGB finden gemäß § 556f Satz 2 BGB auf das vorliegende Mietverhältnis keine Anwendung, weil es sich um die erste Vermietung nach umfassender Modernisierung handelt.

Soweit der Bekl. der Kl. nicht schon mit dem als Anlage K5 eingeführten vorgerichtlichen Schreiben vom 29. November 2019, sondern erst mit der Klageerwiderung zu den Voraussetzungen einer „umfassenden Modernisierung“ nach § 556f Satz 2 BGB Auskunft erteilt hat, rechtfertigt es dies nicht, dem Bekl. nach §§ 280, 286 BGB zumindest einen Teil der mit der klägerischen Berufung verfolgten vorgerichtlichen Kosten aufzuerlegen. Selbst wenn die Kl. ihm ein Mahnschreiben übersandt hatte, konnte der Bekl. dadurch mit der Auskunft nicht in Verzug geraten, da das Rügeschreiben nicht an ihn, sondern an den früheren Eigentümer gerichtet worden war.

Die Voraussetzungen des § 556f Satz 2 BGB sind erfüllt. Eine „umfassende“ Modernisierung liegt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vor, „wenn sie einen Umfang aufweist, der eine Gleichstellung mit Neubauten gerechtfertigt erscheinen lässt (BT-Drs. 18/3121, S. 32; Senatsbeschluss vom 27. Mai 2020 - VIII ZR 73/19, GE 2020, 1113 = NJW-RR 2020, 1212 Rn. 10 ff.). Eine solche Gleichstellung ist anzunehmen, wenn die Modernisierung einerseits im Hinblick auf die hierfür angefallenen Kosten einen wesentlichen Bauaufwand erfordert und andererseits wegen der mit ihrem tatsächlichen Umfang einhergehenden qualitativen Auswirkungen zu einem Zustand der Wohnung führt, der demjenigen eines Neubaus in wesentlichen Teilen entspricht (BT-Drs. 18/3121, aaO.; Senatsbeschluss vom 27. Mai 2020 - VIII ZR 73/19, aaO.; BeckOGK-BGB/Fleindl, Stand: 1. Oktober 2020, § 556f Rn. 25 m.w.N.)“ (BGH, Urt. v. 11.11.2020 - VIII ZR 369/18 -, GE 2021, 237 ff., Rn. 22, zitiert nach juris). Beide Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt:

a) Die Modernisierung ist im Hinblick auf den finanziellen Bauaufwand als wesentlich anzusehen, wenn dieser „(mindestens) ein Drittel des für eine vergleichbare Neubauwohnung erforderlichen Aufwands - ohne Grundstücksanteil - erreicht (vgl. Senatsbeschluss vom 10. August 2010 - VIII ZR 316/09, WuM 2010, 679 Rn. 6 unter Bezugnahme auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu § 17 Abs. 1 Satz 1 WoBauG in BVerwGE 38, 286, 289 f.)“ (BGH, aaO., Rn. 23). Dabei sind nur solche Kosten zu berücksichtigen, „die auf - im Katalog des § 555b BGB genannten - Modernisierungsmaßnahmen beruhen (BeckOKMietrecht/Theesfeld, Stand: 1. August 2020, § 556f BGB Rn. 14; Schmidt-Futterer/Börstinghaus, Mietrecht, 14. Aufl., § 556f BGB Rn. 17; Staudinger/V. Emmerich, BGB, Neubearb. 2018, § 556f Rn. 14; Abramenko, Die Mietpreisbremse, 2015, § 3 Rn. 23). Dieses Verständnis liegt bereits nach dem Wortlaut des § 556f Satz 2 BGB nahe, nach dem die §§ 556d, 556e BGB nicht anzuwenden sind auf die erste Vermietung nach umfassender ‚Modernisierung‘. Dementsprechend ist in der Gesetzesbegründung ausdrücklich ausgeführt, dass von dem Begriff der Modernisierung die Wiederherstellung eines ehemals bestehenden Zustands nicht umfasst wird (BT-Drs. 18/3121, aaO.). Damit sind Kosten, die keinen Bezug zu einer in § 555b BGB genannten Modernisierungsmaßnahme aufweisen, sondern allein der Durchführung von Erhaltungsmaßnahmen i.S.d. § 555a Abs. 1 BGB geschuldet sind, von vornherein nicht in den Kostenvergleich aufzunehmen“ (BGH, aaO., Rn. 25). „Entsprechendes gilt aber auch für den Fall, dass ältere Bauteile und Einrichtungen der Wohnung modernisiert werden, und zwar sowohl dann, wenn diese schon mangelhaft sind, als auch dann, wenn sie - ohne dass ein Austausch schon unmittelbar erforderlich wäre - bereits über einen nicht unerheblichen Zeitraum ihrer zu erwartenden Gesamtlebensdauer abgenutzt worden sind. Auch insoweit ist ein Teil der Kosten bei der gebotenen wertenden Betrachtung nicht der Modernisierung, sondern der bloßen Instandhaltung zuzuordnen und deshalb bei dem im Rahmen des § 556f Satz 2 BGB anzustellenden Kostenvergleich nicht zu berücksichtigen“ (BGH, aaO., Rn. 26).

aa) Nach diesen Vorgaben sind folgende Baukosten als reiner Modernisierungsaufwand nach § 555b Nr. 4 BGB anzusetzen, da insoweit weder fiktiver noch „echter“ Instandsetzungsaufwand anfiel. Der Höhe nach sieht die Kammer die schriftsätzlich dargelegten Baukosten, die die Kl. mit Nichtwissen bestritten hat, auf Basis der in Kopie vorgelegten Rechnungen und der Angaben des im Termin am 8. November 2023 gehörten Zeugen W. ebenso als bewiesen an wie den von dem Bekl. dargelegten Zustand der Wohnung vor Durchführung der Modernisierungsmaßnahmen:

Umbau von Klozelle und Kammer zum Badezimmer: 3.164,22 €

Erstmalige Anbringung von Fliesen in Bad und Küche: 2.948,47 €

Erstmaliger Anbau eines Balkons: 4.261,42 €

Die von dem Bekl. angesetzten wohnungsanteiligen Kosten von 8.522,83 € vermag die Kammer der Höhe nach nicht nachzuvollziehen. Anlage B4 weist auf Seite 1 einen geprüften Gesamtbetrag von 34.091,32 € (entsprechend 40.568,67 € brutto) aus und bezieht sich auf zwei Balkonanlagen mit jeweils vier Balkonen. Entsprechend ist dort handschriftlich vermerkt, dass sich die wohnungsbezogenen Kosten ergäben, indem man den Bruttobetrag von „40.568,67 € durch 8 teilen“ würde. Der von dem Bekl. angegebene Nettobetrag von 8.522,83 € entspricht aber nicht einem Achtel, sondern vielmehr genau einem Viertel des Gesamtnettobetrags von 34.091,32 €; er wird hier deswegen nur zur Hälfte berücksichtigt.

Modernisierung Bad/Sanitär (gem. Anl. BB7): 5.701,40 €

In das Bad wurden anstelle des alten Stand-WC ein wandhängendes WC, erstmals eine bodengleiche/schwellenlose Dusche sowie Einhebelmischbatterien anstelle der vormals vorhandenen Zweigriffarmaturen eingebaut; ferner wurden die Rohrleitungen erneuert und erstmals ein Strukturheizkörper eingebaut. Es handelt sich um Modernisierungsmaßnahmen nach § 555b Nr. 4 BGB, für die insgesamt Kosten von 8.144,85 € anfielen. Die Kammer schätzt für die fiktive Instandsetzung eines abgenutzten einfachen Stand-WC, eines abgenutzten einfachen Waschbeckens nebst einfacher Armaturen, einer einfachen Duschzelle und der alten Rohre sowie eines einfachen Heizkörpers einen Abschlag von maximal 30 % dieser Kosten als angemessen ein, sodass Modernisierungskosten von mindestens 5.701,40 € (8.144,85 € x 70 %) verbleiben.

Modernisierung Elektroanlage: 4.085 €

Die Elektroleitungen wurden erneuert und erstmals unter Putz verlegt; es wurden zusätzliche Steckdosen installiert. Die zuvor vorhandenen Leitungen genossen Bestandsschutz, es hätte aber keine Änderung an der Anlage durchgeführt werden dürfen, ohne den Bestandsschutz zu verlieren. Folglich hätte für die Installation einer einzigen zusätzlichen Steckdose - was sich als Modernisierungsmaßnahme nach § 555b Nr. 4 BGB darstellte - eine gänzlich neue Leitung bis zum Sicherungskasten verlegt werden müssen. Gleiches gilt für die Verlegung vorhandener Leitungen unter Putz; auch dies stellt sich als Modernisierungsmaßnahme nach § 555b Nr. 4 BGB dar, die wegen des drohenden Verlustes des Bestandsschutzes die Installation neuer Leitungen erforderte. Beide Aspekte sprechen gegen einen Abzug fiktiver Instandsetzungskosten für die vorhandenen Leitungen, da die vorhandene Installation schlicht nicht instandsetzungsfähig war. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, wonach Mieter unabhängig vom Errichtungszeitpunkt eines Gebäudes Anspruch auf eine zeitgemäße Elektroanlage einschließlich einer angemessenen Anzahl gleichzeitig belastbarer Steckdosen haben (vgl. BGH, GE 2004, 1090 ff.), stehen diesem Ergebnis nicht entgegen; der Umstand, dass die Wohnung ohne eine hinreichende Anzahl gleichzeitig belastbarer Steckdosen mangelhaft wäre, stellt den Modernisierungscharakter der durchgeführten Arbeiten und die durch diese bewirkte Wohnwertverbesserung nicht infrage.

Weiter verwendbar - und somit gegen gleichwertige Elemente austauschbar, mithin mit einem fiktiven Instandhaltungsabzug zu berücksichtigen - wären allenfalls die verbauten Steckdosen und Lichtschalter gewesen; dies rechtfertigt eine Kürzung der angefallenen Kosten von 4.300 € um allenfalls 5 %, sodass Modernisierungskosten von mindestens 4.085 € (4.300 € x 95 %) verbleiben.

Modernisierung der Fenster: 3.613,77 €

Bei dem von dem Zeugen W. glaubhaft bestätigten Einbau neuer Isolierglasfenster mit einem U-Wert von 1,3 W/m²K handelt es sich um eine Maßnahme der energetischen Sanierung nach § 555b Nr. 1 BGB; dabei kann dahinstehen, ob die zuvor vorhandenen Bestandsfenster U-Werte von 3,0 W/m²K bis hin zu 5,0 W/m²K aufwiesen, wie der Bekl. vorträgt, oder ob es sich bereits um in den 1980er Jahren eingebaute Isolierglasfenster handelte, die nach den glaubhaften Angaben des Zeugen W. einen U-Wert von zumindest 1,8 W/m²K gehabt hätten. Gegen den Modernisierungskosten-Ansatz des Bekl. von 3.613,77 €, der sich mehr als ein Viertel der Gesamtkosten von 4.883,47 € als fiktive Instandsetzungsaufwände anrechnen lässt, ist nichts zu erinnern.

Einbau von Parkett: 3.363,59 €

Bei dem erstmaligen Einbau von Parkett handelt es sich um eine Modernisierungsmaßnahme nach § 555b Nr. 4 BGB. Der von dem Bekl. vorgenommene Abzug fiktiver Instandsetzungskosten von den durch Anlage BB6 belegten Gesamtkosten von 4.425,78 €, der sich an dem Aufwand für das Abschleifen und Versiegeln der vorhandenen Dielen orientiert, ist nicht zu beanstanden.

Malerarbeiten: 3.469,16 €

Der Bekl. lässt sich auf die in Anschluss an die Modernisierungsarbeiten vorgenommenen Renovierungsarbeiten, deren Kosten er mit Anl. BB5 i.H.v. 6.938,32 € nachgewiesen hat, die Hälfte als fiktive Instandsetzung anrechnen. Dies erscheint angemessen. Die Kammer legt dabei zugrunde, dass die Renovierungsarbeiten wohl einerseits schon unabhängig von den Bauarbeiten erforderlich gewesen wären, es ihrer andererseits aber jedenfalls auch infolge der Bauarbeiten bedurfte.

Einbau einer Brennwerttherme: 2.800 €

Bei dem erstmaligen Einbau einer Brennwerttherme handelt es sich um eine Modernisierungsmaßnahme nach § 555b Nr. 1 BGB. Anders als der Bekl. meint, sind für die alternativ erforderliche turnusgemäße Erneuerung der zuvor vorhandenen Gasetagenheizung fiktive Instandsetzungskosten abzusetzen; diese schätzt die Kammer pauschal mit 1/3 der durch Anlage BB7 nachgewiesenen Gesamtkosten von 4.200 €, sodass 2.800 € (4.200 € x 2/3) als reine Kosten der Modernisierung verbleiben.

Modernisierung der Fassade: 4.422,39 €

Bei der Dämmung der Fassade handelt es sich um eine Maßnahme der energetischen Sanierung nach § 555b Nr. 1 BGB. Der Bekl. hat zuletzt mit Anlage BB9 dargetan, dass auf die an der Fassade des Seitenflügels durchgeführte Maßnahme 52.455,34 € an Baukosten und weitere 7.207,97 € Architektenhonorar entfielen. Der von dem Bekl. angesetzte Abzug fiktiver Instandsetzungskosten von 4.146,83 € für bloße Anstricharbeiten erscheint allerdings untersetzt. Neben einem Anstrich hätte turnusgemäß wohl auch der Putz oder eine andere Verkleidung der Altfassade erneuert werden müssen, sodass ein pauschaler Abschlag von 20 % der Gesamtkosten angemessen erscheint. Als Modernisierungskosten für den Seitenflügel zu berücksichtigen sind dann insgesamt 47.650,65 € ([52.355,34 € + 7.207,97 €] x 80 %), sodass sich für die Wohnung ein Betrag von 4.422,39 € (47.650,65 € x 53,30 m² / 574,30 m²) ergibt.

bb) Die vorbenannten zumindest als Modernisierungsaufwand berücksichtigungsfähigen Kosten liegen deutlich über einem Drittel der für das Jahr 2018 anzusetzenden Kosten eines Neubaus in vergleichbarer Lage, die der Bekl. mit 1.800 €/m² und die Kl. im Schriftsatz vom 30. September 2020 mit 1.811 €/m² beziffert hat. Selbst wenn die Erneuerung der Türen und des Stucks sowie weiter angefallene Architektenkosten außer Betracht gelassen werden, ergeben sich wohnungsbezogene Modernisierungskosten von zumindest 37.829,42 €, entsprechend 45.017,01 € brutto (37.829,42 € x 119 %); ausgehend von der Wohnfläche von 53,30 m² entspricht dies Quadratmeterkosten von 844,60 €/m² (45.017,01 €/53,30 m²).

b) Liegt der durchgeführten Modernisierung mithin ein wesentlicher Bauaufwand zugrunde, so handelt es sich insgesamt um eine „umfassende“ Modernisierung i.S.d. § 556f Satz 2 BGB, weil sie durch qualitative Verbesserungen einen Zustand der Wohnung herbeiführte, der demjenigen eines Neubaus in wesentlichen Teilen entspricht.

Nach den Vorgaben des Bundesgerichtshofs ist insoweit „zu prüfen, ob die Wohnung durch die Modernisierungsmaßnahmen in mehreren - nicht notwendig allen - wesentlichen Bereichen (insbesondere Heizung, Sanitär, Fenster, Fußböden, Elektroinstallationen bzw. energetische Eigenschaften) qualitativ so verbessert wurde, dass die Gleichstellung mit einem Neubau gerechtfertigt ist (BT-Drs. 18/3121 aaO.; vgl. auch bereits Senatsbeschluss vom 27. Mai 2020 - VIII ZR 73/19, GE 2020, 1113, Rn. 11 f., m.w.N.). In die diesbezügliche Beurteilung sind [- ebenso wie bei der Ermittlung der berücksichtigungsfähigen Kosten -] nur als Modernisierung zu qualifizierende Maßnahmen einzubeziehen, und auch diese nur unter der Voraussetzung, dass es sich bei dem aktuellen Mietverhältnis um die erste Neuvermietung nach Ausführung der Maßnahmen handelt“ (BGH, Urt. v. 11.11.2020 - VIII ZR 369/18 -, GE 2021, 237 ff., Rn. 33., zitiert nach juris; Text in [ ] ergänzt).

Diese Voraussetzungen sind unproblematisch erfüllt, denn die Wohnung wurde in allen wesentlichen Bereichen - nämlich Heizung, Sanitär, Fenster, Fußböden, Elektroinstallationen und energetische Eigenschaften - modernisiert und qualitativ wesentlich verbessert.

Leitsatz

häufig von der Redaktion verfasst

Beruft der Vermieter sich im Rahmen eines Streits um die Einhaltung der „Mietpreisbremse“ auf den Ausnahmetatbestand „erste Vermietung nach umfassender Modernisierung“, muss er weder den Zustand der Wohnung vor Modernisierung in allen Einzelheiten beschreiben noch detailliert zu den aktuellen und fiktiven Instandhaltungsanteilen vortragen. Es ist dann Sache des Mieters, die vorgelegten Rechnungen zu prüfen und aufzuzeigen, welche abgerechneten Bauteile schon vor den Baumaßnahmen vorhanden gewesen sein sollen und daher um einen Instandhaltungsabschlag zu kürzen wären.

Der Fall

Bearbeitung des Verlags, keine Aussage des Gerichts

Der Vermieter (Beklagter) berief sich anlässlich einer Neuvermietung auf den Ausnahmetatbestand „erste Vermietung nach umfassender Modernisierung“, weil die vereinbarte Miete die ortsübliche Miete + 10 % (Mietpreisbremse) überstieg. Die Mieterin (Klägerin) bestritt, dass diese Ausnahme nach der Mietpreisbremse vorlag.

Der Vermieter hatte vor der Vermietung zahlreiche Baumaßnahmen durchgeführt. Er hatte u. a. erstmals eine zeitgemäße Elektroanlage eingebaut, eine Klozelle und Kammer zum Badezimmer umgebaut, Bad und Küche verfliest, neue Sanitärobjekte und eine bodengleiche Dusche eingefügt, einen Balkon angebaut, die Fassade isoliert, Wärmeschutzfenster und Parkett eingebaut und die alte Heizung durch eine Brennwerttherme ersetzt.

In dem Verfahren ging es zunächst grundsätzlich um die Frage, wer was zum Zustand der Wohnung vor der Modernisierung vortragen muss, weil dies letztlich unter Berücksichtigung von tatsächlichen und fiktiven Instandsetzungskosten entscheidend dafür ist, ob die anrechenbaren Kosten mindestens ein Drittel vergleichbarer Neubaukosten (ohne Grundstücksanteil) betragen haben.

Im Weiteren ging es um die Abgrenzung Modernisierung/Instandhaltung sowie um Abzüge für aktuell erforderliche sowie zukünftig vermiedene (fiktive) Instandhaltungs-/Instandsetzungskosten. Das Landgericht sah nach einer umfassenden Rechnungsprüfung und Bewertung der einzelnen Maßnahmen eine umfassende Modernisierung als gegeben an und wies die Klage der Mieterin ab.

Das Urteil

Bearbeitung des Verlags, keine Aussage des Gerichts

Beruft der Vermieter sich im Rahmen eines Streits um die Einhaltung der „Mietpreisbremse“ auf den Ausnahmetatbestand „erste Vermietung nach umfassender Modernisierung“, muss er weder den Zustand der Wohnung vor Modernisierung in allen Einzelheiten beschreiben noch detailliert zu den (fiktiven) Instandhaltungsanteilen vortragen. Es ist dann Sache des Mieters, die vorgelegten Rechnungen zu prüfen und aufzuzeigen, welche abgerechneten Bauteile schon vor den Baumaßnahmen vorhanden gewesen sein sollen und daher um einen Instandhaltungsabschlag zu kürzen wären.

Fehlen dem Mieter Kenntnisse vom Zustand der Mietsache vor Durchführung der Arbeiten, darf er zwar nicht ins Blaue hinein fantasieren, darf aber mit Erfahrungssätzen oder Vermutungen arbeiten und regelmäßig ohne Verstoß gegen die Wahrheitspflicht behaupten, eine erneuerte Einrichtung habe vor Beginn der Baumaßnahmen bereits ihre zu erwartende Nutzungsdauer erreicht gehabt. Tritt der Vermieter dem nicht durch substantiierten Vortrag entgegen, muss das Gericht ggf. schätzen, in welcher Höhe (fiktive) Instandhaltungskosten abzusetzen sind und darf nicht schlicht davon absehen, sich mit dem Rechenwerk des Vermieters überhaupt zu befassen.

Die Kosten des erstmaligen Einbaus einer zeitgemäßen Elektroanlage sind insgesamt als Modernisierungskosten zu berücksichtigen, wenn die vor der Modernisierung vorhandene Elektroanlage zwar Bestandsschutz genoss, aber jegliche Veränderung das Erfordernis ihrer vollständigen Erneuerung mit sich gebracht hätte. War die vorhandene Elektroinstallation schlicht nicht instandsetzungsfähig, so spricht dies entscheidend gegen den Ansatz fiktiver Instandsetzungskosten. Der Umstand, dass die Wohnung nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ohne eine hinreichende Anzahl gleichzeitig belastbarer Steckdosen mangelhaft wäre, stellt den Modernisierungscharakter der Maßnahme nicht infrage.

Die Voraussetzungen einer umfassenden Modernisierung seien erfüllt. Diese müsse einen Umfang aufweisen, der eine Gleichstellung mit Neubauten gerechtfertigt erscheinen lasse. Erste Voraussetzung sei ein wesentlicher Bauaufwand von (mindestens) einem Drittel des für eine vergleichbare Neubauwohnung erforderlichen Aufwands ohne Grundstücksanteil und das Erreichen eines Zustands, der demjenigen eines Neubaus in wesentlichen Teilen entspricht. Beides liege vor.

Dabei seien nur Modernisierungskosten zu berücksichtigen, Kosten für Erhaltungsmaßnahmen dagegen nicht. Entsprechendes gelte aber auch für den Fall, dass ältere Bauteile und Einrichtungen der Wohnung modernisiert werden, und zwar sowohl dann, wenn diese schon mangelhaft sind, als auch dann, wenn sie – ohne dass ein Austausch schon unmittelbar erforderlich wäre – bereits über einen nicht unerheblichen Zeitraum ihrer zu erwartenden Gesamtlebensdauer abgenutzt worden seien (fiktive Kosten). Insoweit sei ein Teil der Kosten nicht der Modernisierung, sondern der Instandhaltung zuzuordnen und nicht zu berücksichtigen.

Anhand dieser Vorgaben ordnete die Kammer dann aus den eingereichten Rechnungen den einzelnen Bereichen – reine Modernisierungskosten, fiktiver und echter (aktueller) Instandhaltungsaufwand – zu. Der Umbau von Klozelle und Kammer zum Badezimmer und die erstmalige Anbringung von Fliesen in Bad und Küche rechnete die Kammer voll an, ebenso den Anbau eines Balkons.

Die Kosten für den Ersatz alter (vorhandener) Sanitärobjekte, den Einbau einer bodengleichen/schwellenlosen Dusche, Austausch von Zweigriffarmaturen gegen Einhebelmischbatterien, Erneuerung der Rohrleitungen und Einbau eines Strukturheizkörpers kürzte die Kammer um 30 %.

Die Kosten für die zeitgemäße Elektroanlage (die Elektroleitungen wurden erneuert und erstmals unter Putz verlegt und es wurden zusätzliche Steckdosen installiert) erkannte die Kammer (fast) ohne Abzug an. Die zuvor vorhandenen Leitungen hätten Bestandsschutz genossen, den sie bei einer reinen Änderung an der Anlage verloren hätten. Folglich hätte für die Installation einer einzigen zusätzlichen Steckdose – was für sich eine Modernisierungsmaßnahme sei – eine gänzlich neue Leitung bis zum Sicherungskasten verlegt werden müssen.

Gleiches gelte für die Verlegung vorhandener Leitungen unter Putz. Beide Aspekte sprächen gegen einen Abzug fiktiver Instandsetzungskosten für die vorhandenen Leitungen, da die vorhandene Installation schlicht nicht instandsetzungsfähig gewesen sei. Dass allenfalls die verbauten Steckdosen und Lichtschalter noch weiter hätten benutzt werden können, rechtfertige eine Kostenkürzung allenfalls um 5 %.

Für die Modernisierung der Fenster (U-Wert von 1,3 W/m²K gegenüber U-Werten von 3,0 W/m²K bis hin zu 5,0 W/m²K der zuvor vorhandenen Bestandsfenster) hatte der Vermieter von sich aus bereits mehr als ein Viertel der Gesamtkosten als fiktiven Instandsetzungsaufwand angesetzt, was die Kammer als ausreichend erachtete. Auch für den erstmaligen Einbau von Parkett hatte der Vermieter bereits fiktive Instandsetzungskosten abgezogen, und zwar in Höhe des Aufwands, der für das Abschleifen und Versiegeln der bisher vorhandenen Dielen angefallen wäre. Diesen Abzug hielt die Kammer für nachvollziehbar und korrekt.

Die im Anschluss an die Modernisierungsarbeiten vorgenommenen Renovierungsarbeiten (Malerarbeiten) hatte sich der Vermieter zur Hälfte als fiktive Instandsetzungskosten anrechnen lassen, was der Kammer als angemessen erschien.

Der erstmalige Einbau einer Brennwerttherme sei zwar eine Modernisierungsmaßnahme, doch anders als der Vermieter zog die Kammer für die alternativ erforderliche turnusgemäße Erneuerung der zuvor vorhandenen Gasetagenheizung im Schätzwege fiktive Instandsetzungskosten in Höhe von 1/3 der Kosten für den Einbau der Brennwerttherme ab.

Bei den Kosten für die Wärmedämmung der Fassade erhöhte die Kammer den angesetzten Abzug fiktiver Instandsetzungskosten (für bloße Anstricharbeiten). Neben einem Anstrich hätte turnusgemäß auch der Putz oder eine andere Verkleidung der Altfassade erneuert werden müssen, sodass ein pauschaler Abschlag von 20 % der Gesamtkosten angemessen erscheine.

Die insgesamt zumindest als Modernisierungsaufwand berücksichtigungsfähigen Kosten hätten deutlich über einem Drittel der für das Jahr 2018 anzusetzenden Kosten eines Neubaus in vergleichbarer Lage gelegen, die der Beklagte mit 1.800 €/m² und die Klägerin mit 1.811 €/m² beziffert habe. Selbst wenn die Erneuerung der Türen und des Stucks sowie weiter angefallene Architektenkosten außer Betracht gelassen würden, ergäben sich wohnungsbezogene Modernisierungskosten von zumindest 37.829,42 €, entsprechend 45.017,01 € brutto; ausgehend von der Wohnfläche von 53,30 m² entspreche dies Quadratmeterkosten von 844,60 €/m².

Der Modernisierung liege mithin ein wesentlicher Bauaufwand zugrunde, so dass es sich insgesamt um eine „umfassende“ Modernisierung i.S.d. § 556f Satz 2 BGB gehandelt habe, weil sie durch qualitative Verbesserungen einen Zustand der Wohnung herbeiführt habe, der demjenigen eines Neubaus in wesentlichen Teilen entspreche.

Auch die weiteren Vorgaben des Bundesgerichtshofs – qualitative Verbesserung in mehreren (nicht notwendig allen) wesentlichen Bereichen (insbesondere Heizung, Sanitär, Fenster, Fußböden, Elektroinstallationen bzw. energetische Eigenschaften) mit der Folge, dass die Gleichstellung mit einem Neubau gerechtfertigt ist – seien vorliegend „unproblematisch erfüllt“, denn die Wohnung ist in allen wesentlichen Bereichen – nämlich Heizung, Sanitär, Fenster, Fußböden, Elektroinstallationen und energetische Eigenschaften – modernisiert und qualitativ wesentlich verbessert worden.